FTP - Fluch oder Segen?| Foto: Getty Images for Ironman
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FTP – Fluch oder Segen?

Spätestens seit Trainingpeaks, Strava und Zwift kennt sie wohl jeder – die FTP. Es handelt sich dabei um die „Functional Threshold Power“, also um jene maximale Durchschnittsleistung, die am Rad über einen Zeitraum von einer Stunde erbracht werden kann.

Bestimmung der FTP

Vorab ein wenig Statistik: Frontiers in Die Bestimmung der FTP ist sowohl am Smarttrainer als auch im Freien leicht und unkompliziert. Der Testablauf besteht aus einem 30-minütigen Aufwärmen, gefolgt von einem 5 min und einem 20 min langen Zeitfahren, welche durch eine 10-minütige Pause getrennt sind. Wenn man die Durchschnittsleistung des 20-minütigen Zeitfahrens mit 0,95 multipliziert, erhält man direkt nach dem Test die FTP. Diese errechnete FTP stellt in weiterer Folge die maximale Leistung dar, die über eine Stunde erbracht werden kann.

Das wohl wichtigste Kriterium für einen erfolgreichen und aussagekräftigen Test ist die maximale Ausbelastung während beider Zeitfahrbelastungen. An diesem Punkt kommt es bereits zu ersten Unstimmigkeiten – oftmals wird das 5-minütige Zeitfahren nicht maximal gefahren oder es wird nur ein 20-minütiges Zeitfahren durchgeführt. Beides führt zu einer deutlichen Überschätzung der errechneten FTP und somit auch der Trainingsbereiche sowie der Wettkampfvorgaben. Im Triathlon-Wettkampf kann sich dies z.B. auf den abschließenden Laufsplit leistungsmindernd auswirken.

Solche methodischen „Fehler“ lassen sich jedoch leicht beheben und stellen daher keine große Einschränkung für den Test dar.

Die Grenzen der FTP

Die unterschiedliche Leistungsfähigkeit iDer FTP-Test wird oft als Ersatz für die klassische Leistungsdiagnostik gesehen – genau das ist er jedoch nicht! Er liefert uns lediglich die Information besser oder schlechter.

Die Leistung während des 20-minütigen Zeitfahrens und somit auch die FTP ergeben sich aus einem Zusammenspiel vieler unterschiedlicher Faktoren wie der aeroben und anaeroben Leistungsfähigkeit, der Ökonomie, und vielen weiteren. Erhöht ein Sportler seine FTP nun um 5%, so wissen wir zwar, dass er sich um 5% verbessert hat, wir wissen jedoch nicht, warum er sich um diese 5% verbessert hat. Dies spielt jedoch in der weiteren Trainingsplanung eine entscheidende Rolle!

Die klassische Leistungsdiagnostik hingegen liefert uns das „Warum“ zum „Besser oder Schlechter“ – anders ausgedrückt bekommen wir durch die klassische Diagnostik ein Stärken-Schwächen-Profil jedes Sportlers. Dieses nutzen wir Trainer in weiterer Folge, um an Schwächen zu arbeiten, ohne die Stärken zu verlieren.

Eine weitere Unstimmigkeit ergibt sich aus dem Faktor 0,95, mit dem die Durchschnittsleistung aus dem 20-minütigen Zeitfahren multipliziert wird, um die FTP zu erhalten. Wie unschwer zu erkennen ist, ist dieser Faktor nicht sehr individuell. Zieht man aktuelle Studien heran, so bestätigen diese, dass dieser Faktor 0,95 nicht für jedermann und jedefrau geeignet ist. Je nach Leistungsniveau, Trainingsinhalten, Motivation, etc. schwankt die tatsächliche 1h-Leistung zwischen 85 und 95% der 20min-Leistung. D. h. der tatsächliche Faktor schwankt im Bereich 0,85 bis 0,95.

Welche Tragweite dieser Faktor haben kann, soll ein kleines Beispiel zeigen:

Sportler A weist eine 20min-Leistung von 300 Watt auf – berechnen wir die FTP mit dem Faktor 0,95, so ergeben sich 285 Watt. In weiterer Folge geben wir die Intensität für den Hauptwettkampf mit 75-80% der FTP vor – also 214-228 Watt. Wie oben erklärt, gilt der Faktor 0,95 jedoch nicht für unseren Sportler – für ihn/sie wären 0,85 zutreffend. Führen wir die gleiche Berechnung wie oben durch, so würde sich folgende Wettkampfvorgabe ergeben: 191-204 Watt. Je nach Leistungsniveau entspricht diese Wettkampfvorgabe jener für einen 70.3- oder Ironman-Wettkampf. Die Fehleinschätzung durch die FTP hätte in beiden Fällen fatale Folgen für das Wettkampfergebnis.

Ein zusätzlicher Kritikpunkt hat sich sehr stark aus der wissenschaftlichen Betrachtungsweise heraus entwickelt. Bei den meisten leistungsdiagnostischen Testungen werden die Ergebnisse wie aerobe Schwelle, anaerobe Schwelle etc. mit physiologischen Veränderungen oder Übergängen in Verbindung gebracht. Dies ist in weiterer Folge wichtig, um das Training und die daraus entstehenden Anpassungen nachvollziehen zu können. Die FTP ist ein Parameter, bei dem die physiologischen Mechanismen nach wie vor ungeklärt und fraglich sind – viele Forscher sind sich sogar einig, dass der FTP jegliche physiologische Basis fehlt.

FTP Ja oder Nein?

Trotz aller Kritik gibt es auf diese Frage keine klare Antwort – in der Wissenschaft liest man an dieser Stelle oft „It depends“.

Wie bereits Anfangs erwähnt, ist der FTP-Test ein unkomplizierter Test, welcher auch im Freien absolviert werden kann. Mit einer Dauer von 1:15h ist der Test gut ins Training integrierbar und gibt eine schnelle Übersicht über eine mögliche Leistungsveränderung – nicht mehr und nicht weniger!

Der FTP-Wert kann, soweit die methodischen Vorgaben eingehalten werden, gut als Bezugspunkt für die Trainingsbelastung herangezogen werden. Als Beispiel kann hier die PMC (Performance Management Chart) in Trainingpeaks oder Golden Cheetah genannt werden. Gerade bei der Erfassung der Belastung ist es wichtig eine standardisierte Bezugsquelle wie die FTP zu verwenden.

Wie das oben genannte Beispiel zeigt, ist die FTP jedoch wenig geeignet, um Vorgaben für Wettkampf- und Trainingsintensitäten daraus abzuleiten. Eine pauschalierte Berechnung der FTP mittels Faktor 0,95 kann in weiterer Folge zu hohe oder zu niedrige Belastungsvorgaben für das Training oder den Wettkampf nach sich ziehen. Je nach Leistungsniveau und Trainingshintergrund können und müssen sich diese Vorgaben individuell stark unterscheiden.

Abschließende Worte

Es wäre vermessen zu glauben mit einem einzigen Parameter alles einschätzen und bestimmen zu können. Durch die Verwendung der FTP bei Trainingpeaks oder Zwift wird aber genau das oftmals suggeriert. Auch wenn bis jetzt dieser Eindruck entstanden ist, so ist die FTP keinesfalls ein „schlechter“ Parameter – sie ist ein weiterer ergänzender Parameter im breiten Spektrum der Leistungsdiagnostik. Klar ist jedoch, dass die FTP niemals eine Standard-Leistungsdiagnostik (Laktattest, Spiroergometrie) ersetzen kann und soll – vielmehr sollte sie diese Form der Diagnostik ergänzen.

Interessanterweise haben dies die „Entwickler oder Entdecker“ der FTP, Hunter Allen und Andrew Coggan, schon damals so gesehen. Auch sie weisen darauf hin, dass es sich lediglich um einen weiteren Parameter zur Leistungsbeurteilung handelt!

Der aktuelle Trend in der Leistungsdiagnostik geht immer mehr in die Richtung des sogenannten Profilings – d. h. dass man bewusst mehrere leistungsbestimmende Parameter untersucht, um, wie bereits oben erwähnt, ein Stärken-Schwächen Profil jedes Sportlers zu erstellen. Basierend auf diesem Profil kann das Training danach auf diese Stärken und Schwächen angepasst werden, um ein Maximum an Leistung zu erzeugen.

Oft höre ich Aussagen wie „Im Hobbysport ist das doch nicht entscheidend“ oder „Ich bin Hobbysportler, das brauche ich doch nicht“. Nicht nur im Hochleistungssport, sondern auch im Hobby- und Amateurbereich geht es doch genau darum die zur Verfügung stehende Zeit so gut und effizient wie möglich zu nutzen – neben einem 40h Job, Familie und sonstigen Verpflichtungen gilt das umso mehr. Eine durchdachte Leistungsdiagnostik gefolgt von individuellem Training bilden somit die Basis für eine langfristige Leistungsentwicklung, an der man Spaß hat.

Über den Autor:

Matthias Hovorka ist Sportwissenschafter und Trainer. Hauptberuflich ist er in der sportwissenschaftlichen Forschung tätig und beschäftigt sich mit unterschiedlichen leistungsdiagnostischen Verfahren im Nachwuchsleistungssport. Gemeinsam mit Clemens Rumpl, gründete er die Trainingsplattform „High Performance Coaching“

E-Mail: matthias.hovorka@h-p-c.at

Web: www.h-p-c.at

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