Elke Schiebl bloggt: Fünf Sterne Bewertungen

Liebe Leser!

Wie richtig berichtet, schliefen am 1.1. am Nachmittag noch einige Spaziergänger vom Silvesterfeiern. Aber etliche, auch Familien mit Kleinkindern, waren schon bei der Donau spazieren, so auch wir. Wegen des sonnigen Wetters hatten wir schon um 13.25 unseren Spaziergang zu viert gestartet und waren kurz nach halb drei auf der Autobrücke, die einerseits die Zufahrt zur Badearena und Mehrzweckhalle darstellt und andererseits die Schnellstraße nach Stein überquert. Beim Gärtner bogen wir in die wenig frequentierte Straße (noch weniger befahrene Straße) parallel zu den aufgelassenen Gleisen in Richtung Wachau. Nahmen wir doch plötzlich eine Polizeisirene wahr, die nicht von der Schnellstraße Richtung Stein kam, sondern wahrlich von dem Bahnweg. Das Unfassbare: auf diesem Weg fährt sonst nie und nimmer jemand und schon gar nicht mit 70 Sachen! Doch jetzt raste ein Motorrad ohne Taferl mit 70km/h und vor allem ein Polizei-PKW in mindestens gleich schnellem Tempo dahinter daher. Wir retteten uns auf die Böschung! Fassungslos blickten wir den Gefährten hinterher. Was wäre….. würde ein Kleinkind durch den Tunnel, vom Sepp Dolle-Stadion kommend, rauslaufen?

Bis jetzt kann ich den Übereifer der 2 Beamten, die zu oft “Auf Streife” sahen, nicht fassen. Diensteifer gut und richtig, Menschenleben gefährden ist eine andere Sache.

Mein Leserbrief an eine regionale Zeitung landete in der Rundablage, diese bedauerliche Tatsache wurde für mich noch tragischer, als ich unter dem Artikel noch das Ergebnis einer Abstimmung mitansehen musste, bei der mehr als zwei Drittel für „Dreistigkeit gehört bestraft“ und nur 29 Prozent für „Unbeteiligte hätten zu Schaden kommen können“ gestimmt hatten.

Wie kann darüber abgestimmt, d.h. geurteilt werden, wenn man gar nicht zugegen war? Die Menschen stimmen gerne über etwas ab, ohne eine Begründung abgeben zu müssen, warum sie für dies oder jenes gestimmt haben.

Es ist 5 Uhr in der Früh: als erstes werden elektronisch die Bibliotheksbücher verlängert, dann die emails gecheckt, die Anzahl der Leser verfasster Artikel überprüft, die Schulvorbereitungen ausgedruckt, die Hausübungen der Schüler elektronisch eingetragen und und und……Wir sind eine Gesellschaft, die ständig bewertet: im digitalen Zeitalter mit Apps und einfachem Anklicken leicht möglich: Die Jungen und die Alten inbegriffen, niemand exkludiert. Die SchülerInnen müssen oft mit Schulnoten, die ihnen bekannt sind, bewerten, sehr vertraut sogar, werden sie doch tagtäglich selbst bewertet.

Mit meiner Schullektüre (pro Klasse zwei pro Jahr) mache ich es mir nicht einfach – der ganze Sommer wird auf Englisch gelesen, bis die Klassenlektüre gewählt ist. Letzten Freitag erfolgte die abschließende Bewertung einer gelesenen Fußballerbiographie. Was? Das Buch bekommt nur 2 von 5 Sternen von den SchülerInnen? Auf Amazon hatten 65% vier von fünf Sternen vergeben!

Wie leicht machen wir es uns oft – wir sind vorschnell im Bewerten. Die Schüler sind superschnell darin. Nur 4% geben der Lektüre drei von fünf Sternen und überhaupt nur ein Schüler vier von fünf Sternen. Was bewerten sie im Leben eigentlich mit fünf Sternen?

Dann schreibt eine Recommendation über das Gelesene, schlage ich vor, bei zwei von fünf Sternen wird das ein Lesetipp sein, der einen nicht vom Hocker hauen wird. Ich will ja schlussendlich erfahren, was genau gefallen und was missfallen hat.

Wir bewerten immer und überall. So geben wir auch immer und überall unsere Bewertungen, unseren Senf ab. Manchmal in Form eines Leserbriefes, aber wer nimmt sich heutzutage noch die Zeit, einen ganzen Brief zu schreiben.

Was, ich bin auf Strava? Ja, wenn wir gemeinsam trainieren, sagt die App „Barbara ist mit Elke Schiebl unterwegs“. Ich bin fassungslos. Wann habe ich mich dafür registriert? Was für ein abartiges Gehabe, erstens.) alle Ergebnisse überall und für die Ewigkeit festzuhalten, zweitens.) dieses zwanghafte Verhalten, alles digital zu erfassen, alles termingerecht upzuloaden oder upzudaten und drittens.) mit möglichst vielen zu teilen. Wir sind nicht nur digitale Opfer, wir sind auch Digi-Täter. Aber wir machen auch unsere Tages-, Jahrespläne, Wettkämpfe, Trainings, Trainingsergebnisse, Zeiten und Verletzungen so transparent, dass wir immer und überall bewertet werden. Wieviel km im Jahr geschwommen, wie viele km geradelt und wie oft im Jahr die Laufschuhe (nicht zu locker) geschnürt, als würde das irgendjemanden kratzen, außer dem Geschäft, das dir neue Laufschuhe verkauft oder verkaufen möchte.

Deine digitalen Aktivitäten können anfangen, dich zu belasten – das Downloaden, das Hochladen, das Aktualisieren und das Updaten, davon noch schnell ein screenshot machen und das noch schnell anschauen. Noch schnell – wir leben in einer schnelllebigen Leistungsgesellschaft – hurtig muss alles gehen und dann noch schnell mit jemandem vergleichen, inklusive der zagen Frage: Bin ich eh im Plan? Tue ich zu viel? Trainiere ich zu wenig?  Es geht zwar nur um die goldene Ananas, aber vom Kinderwagen an geht es um den sozialen Vergleich. Wer ist größer, schneller, reicher, schöner oder hat einen besseren Six-Pack? Der Vergleich ist ein wesentlicher Faktor, um Sport attraktiver zu machen. Vergleiche im wirklichen Leben zu bestehen wirkt auf’s Belohnungssytem im Gehirn – andererseits kann dieser Vergleich auch virtuell stattfinden: Real sind deine GegnerInnen auf der ganzen Welt, gegen die du virtuell auf dem Ergometer in Landschaftsbildern virtuell Rad fährst.

Oder zumindest – „That’s one for the books“ – deine Challenges, dein Jahr, deine Leistungen festgehalten. Auch die goldene Ananas für die meisten Pistenkilometer oder die meisten absolvierten Höhenmeter pro Tag, nicht zu verachten, das alles auf die ganze Schisaison umgelegt, weiters Herausforderungen wie den Dumbopreis für die gestemmten Kilos. Alles wird gemessen, alles wird festgehalten für die Ewigkeit, alles wird allen mitgeteilt in der Hoffnung auf Anerkennung.

Häufig sind auch Smilies für gutes oder schlechtes Service zu vergeben. Wie zufrieden waren Sie mit dem Besuch bei uns? Diese Smilies sind für mich nicht aussagekräftig, weil in den seltensten Fällen uns in diesem Zusammenhang eine Rechtfertigung dafür abverlangt wird. Dabei ist eine verbale Erklärung sehr häufig konstruktive Kritik, der viel Potential für Verbesserung innewohnt.

Doch meist genügen Smilies oder Sterne. Würden alle Smilies und Sterne zugleich eine Begründung verlangen, täten wir uns schwerer, rote, verärgerte Smilies anzuklicken.

In Schladming vermieten wir eine Ferienwohnung über eine Ferienagentur – keine sehr gute Agentur – meine ich. Diese lässt zwar Kaution hinterlegen, die anstandslos zurückgegeben wird, wenn abgereist wird. Ein fragwürdiges Prozedere, weil sie ohne Inspektion der Wohnung problemlos zurückgegeben wird (auch wenn beim „Partyurlaub“ Möblar in der Wohnung mutwillig zerstört worden ist.) Doch fragwürdig sind die Bewertungen auf booking.com. Es gibt derer nur zwei, das wundert mich. Eher negative, meine ich. Für eine positive Bewertung werden dem Verfasser oft kleine „Belohnungen“ versprochen. Man kann Holidaymaker in ihrer Wortwahl beeinflussen, z. B. der Schneider in Thailand, der jedem, der eine gute Bewertung schrieb, noch eine Krawatte zum Anzug dazuschenkte. Für eine negative Bewertung erntest du statt Zustimmung Verwunderung. Belohnung gibt es keine.

Okay, also bekommen tut bei uns keiner etwas (außer problemlos seine Kaution zurück.) Das wäre z.B. positives Feedback, aber das schreibt keineR. Aber in dem einen negativen Feedback regt sich ein Holidaymaker auf, dass er vor  dem Ausziehen noch den Müll entsorgen muss. Die andere Kritik stammt von Italienern. In ihr regen sie sich (gerechtfertigt) auf, dass die Matratzen zu weich seien.

Die Ferienagentur ist daraufhin nicht „probeliegen“ gegangen. Sie hat auch niemandem erklärt, dass die Ferienwohnung prinzipiell für 2 Erwachsene und 2 Kinder konzipiert sei und dass die Stockbetten eigentlich für Kinder seien, weil diese weniger harte Matratzen bräuchten. Die Ferienagentur hätte auch hergehen können und den Feriengast für blöd erklären und nie wieder Italiener als Gäste akzeptieren können. Sie hätte den Feriengast mit der Erklärung, er liege falsch im Bett, „abspeisen“ können. Je wahrer der Wahrheitsgehalt der Bewertung ist, desto eher wünscht sich der Kritisierte, der Eintrag verschwinde wieder aus dem Netz. Pervers hätte ich es gefunden, wenn die Ferienagentur mit dem Gast Kontakt aufgenommen hätte und versucht hätte, ihn zum Löschen der „zu weichen Matratzen“  in der Bewertung zu veranlassen.

Das Positive an einer nicht-anonymen Bewertung oder an einem unterzeichneten Leserbrief ist, dass die Bewerter oder KritikerInnen überlegt schreiben und nicht willkürlich ankreuzen oder anklicken. Der Bewerter hält seinen Kopf hin und versteckt sich nicht hinter seiner Anonymität. Er möchte konstruktive Kritik üben und räumt dem Kritisierten Potential für Verbesserung ein. Es ist nicht so, dass man beim Verfassen seiner Meinung, sei es im Leserbrief oder als Interneteintrag, Groll gegenüber einer ganz bestimmten Person hegt, sondern man sich mitteilen, anderen öffnen und Zustimmung, so wie man Kenntnisnahme seiner Sportergebnisse, Trainings, Resultate etc. möchte. Man will, dass Betroffene Gegebenheiten oder Verhaltensweisen, die als nicht okay empfunden wurden, überdenken. Die negative Bewertung kann maximal einer verantwortlichen Einzelperson zugeschrieben werden (ich kann nicht alle Italiener als Gruppe für die Meinung einer Einzelperson bestrafen), zumal sie legitim ist, denn wir leben in einem Land der Presse- und Redefreiheit.

Und und und und …………Plötzlich fragt mich die App meines Handys: How did your last event go?                                  – H I L F E!

 

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