Elke Schiebl bloggt: Doping im Alltag oder die goldene Ananas

Einen Tag nach Weihnachtsferienende und ich fühle mich schon ausgelaugt. Ich trete – ein wenig pissed off –  mit 2 Stunden Verspätung vors Haus und mein Laufprogramm an. Noch kurzes Gespräch mit dem Postler, der mir fürs Laufen alles Gute wünscht – „Na, laufen gehen freuts mich heute gar nicht!“ sag ich ihm zurück. Die Nachbarin, die ebenfalls rausgekommen ist, möchte daraufhin wissen, warum ich mir das antue – ich zucke mit den Schultern, ihr erzähle ich, das Trainingsprogramm versprach mir ein „easy-cheesy Programm“, bis ich bemerkte, dass der Fehler meiner App darin bestand, dass ich meine pace in miles/h und nicht km/h sah. L

Doch dann ging es los …….54 Minuten später. Aus lauter Eifer hängte ich noch ein Laufintervall dran. Jetzt stand leider keine Nachbarin mehr heraußen, denn  jetzt wäre ich um keine Antwort verlegen gewesen: der hätte ich gesagt, „es war so geil, dass ich noch freiwillig ein Intervall dranhängte“. Jemandem, der keinen Sport betreibt, zu erklären, dass Sport an sich zur DROGE werden kann, ist schwer.

Ich sitze in einem Nichtraucher-Kaffeehaus. Dort, wo sich die Leute im Nebenraum treffen, um ihren Süchten nachzugehen, um den Alltag zu meistern. Seit dem Rauchverbot steht die Verbindungstür offen. Ob sie jetzt auf dem angrenzenden Balkon rauchen? – „Oh ja“, meint die Kellnerin. Der Schritt in Richtung Betäubung für den Alltag gleicht sich bei vielen. Uppers und Downers, um von Alltagsdoping zu sprechen, damit sie in unserer Leistungsgesellschaft bestehen können. Wir leben mal in einer Zeit, in der auch in der Arbeit nur Erfolge zählen, genauso wie im Sport. Insofern ist Alltagsdoping sehr wohl mit Sportdoping der Hobbysportler vergleichbar – beim Ironman in Frankfurt 2019 war angeblich jeder 5. Teilnehmer gedopt! (SPORTaktiv, Christof Domenig und Christoph Heigl, S.16f). Doch zunächst fallen einem die gefallenen Helden des Skilanglaufs, die bekennenden Ex-Doper des Radsports und vielleicht noch Bodybuilder der 70er Jahre ein.

Durch das Internet ist die Beschaffung der Mittelchen leicht geworden und sobald du dich um Nachschub sorgst – wirklich Sorgen machst, ist eine Abhängigkeit da. Dass sie typisch lange verleugnet und als Problem negiert wird, wollen die Betroffenen aber meist nicht wahrhaben.  Diese sind StudentInnen, die non-stopp lernen müssen oder wollen, auch ausgebildete Ärzte, die anfänglich ihre Konzentrationsfähigkeit ankurbeln wollen und zusätzlich zu Aufputschmitteln, Amphetaminen, oft anregendes Kokain konsumieren. Schnell wird durch den Gewöhnungseffekt aus einer morgendlichen Tablette und einem Downer am Abend zwei bis vier Pulverl am Morgen und zwei bis vier am Abend, damit die gewünschte Wirkung erzielt wird.

Bei Künstlern ist es vielleicht etwas anders. André Heller erwähnte bei „Willkommen Österreich“ ein Medikament, das ihn jeden Abend gegenüber anderen Musikern vielleicht konkurrenzfähiger machte (da gebe ich dir recht, Leiti!), ihn in die willkommene nötige Auftrittsstimmung versetzte. Bist du aber ein lausiger Künstler, helfen keine Pillen. Hast du rein gar nichts am „Buckel“, werden dich weder Uppers nach vorne hau’n, noch einen Star aus dir machen.

Bist du von Geburt an eventuell ein heilloser Optimist, siehst du die Welt durch die rosarote Brille, kommt vielleicht gar nicht in Betracht, zu Aufputschmitteln zu greifen. Das bringt mich zurück zum Sport. Die Endorphine und das Adrenalin, das du für den Alltag brauchst, kannst du dir aus dem Sport an sich holen. Magazine und Zeitungen sind voll von Artikeln, die über körpereigenes „Doping“ schreiben. Insofern ist die tägliche Stunde Sport sinnvoller investiert, als eine Stunde vor dem Spiegel  oder sinnierend im Kämmerchen zu verbringen.

Doch manchmal wünschte auch ich mir, ich wäre unsere kleine Maus, die hinter der Abwasch wohnt und die man nur hie- und da aus dem Biomüll rausflitzen sieht.

Hole dir die aktuellen Trinews Nachrichten auf dein Device und abonniere unser Service

Hinterlasse eine Antwort

Deine Email-Adresse wird nicht veröffentlicht.

X
X