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Elke Schiebl bloggtTriathlon Szene Österreich

Kinder, unsere Lehrmeister!

Jetzt ist mir die Muttertagszeichnung meines damals 13jährigen Sohnes wieder in die Hände gefallen. Sie zeigt eine kraulende Person (mit der Beschriftung „Schwimmen“) -> Dann kommt eine Radlerin (Radfahren) -> Dann wieder ein Pfeil -> zuletzt die Zeichnung einer Läuferin mit der Aufschrift „Laufen“. Komischerweise läuft die Fahrradkette außerhalb der Wade der Radlerin – das entsprach aber keineswegs dem Erfahrungsschatz meines kleinen Schatzes (er war begeisterter Radfahrer und Leichtathlet). Ja, die hat was für sich, die Zeichnung. Ich hätte für meine erste Age-Group Triathloneuropameisterschaft nur seinen Anweisungen Folge zu leisten, meinte er.

Sinnbildlich für diese Zeichnung stehen die x-Momente im Leben, wo du das Gefühl hast – Kinder, unsere Lehrmeister. Vor kurzem erst saß ich mit einer zweiten Triathletin beisammen und wir schilderten einander unsere Unfähigkeit im Radfahren. Mein erster Lehrer auf dem Rad war wieder mein Sohn, der mir erklärte, wie man eine Kurve anfährt. (Inzwischen sollte ich es wissen.) Bei meinem ersten Duathlon hätte ich auch disqualifiziert werden können (Man möge mir meine Blödheit verzeihen.). Doch damals war man noch nicht so streng, zweitens kam ich so spät zu der kritischen Stelle, dass wahrscheinlich kein Kampfrichter mehr zum Kontrollieren da war, der mit einem DQF bestrafte, wenn man über die Mittellinie fuhr. Tatsache ist, dass ich die Kurve so eng anfuhr , dass ich durch die Fliehkraft richtig hinauskatapultiert wurde. Mir kam sogar ein Schrei des Entsetzens aus. Stolz bin ich noch immer auf meine Endzeit: 2.41 und das in Rohrbach. Und das, obwohl ich vorher noch nie 40km Rad gefahren war.

Von meiner kleinsten Tochter lerne ich ständig. Ein mathematisch begabter Mensch denkt anders als ein Sprachenmensch. Irgendwie beneide ich ja die Logiker, weil eine Sprache zu erlernen leichter ist für einen Mathematiker (auch mit wenig Sprachgefühl) als Logik zu erlernen. Ganz typisch dafür ist unser Kartenspiel zu nennen. An ihren Tricks und Kniffen, die sie quasi a priori (von Geburt an) schon kannte, lässt sie mich nur dann teilhaben, wenn wir jemanden Dritten mitspielen lassen und sie ihm oder ihr die Spielregeln erklärt. Da gibt sie dann manche ihrer Kniffe preis.

Ähnlich ist es im Triathlon. Manche lassen sich gerne in die Karten schauen, aber viele hüllen sich in Schweigen. Auch ich hätte alle Tipps und Tricks gern von Anfang gewusst. Ich würde (wie es hie- und da praktiziert wird) auch ein Wechseltraining einführen. Da fällt mir gleich der erste Triathlon meines damals 9-jährigen ein, der eine Woche vor dem großen Tag etwas kränkelte. So waren wir die Zeit vor dem Rennen vor allem mit Wechseltraining beschäftigt und das verhalf ihm zum zweiten Platz. Triathleten verraten auch prinzipiell selten, wie das mit dem Sockenanziehen ist, womit man sich außer mit dem Öl einer Sardinendose unter dem Neopren noch einschmieren könnte, um besser heraus zu flutschen und welche Verpflegung gut erprobt ist. Es gibt nicht viele Tricks, aber Laufsocken bei einem Sprint anzuziehen kostete einer Teamkollegin den Sieg in der Altersklasse (um 11 Sekunden). Und was hat man davon, sie darüber aufzuklären, auf die Socken bei einem Sprint zu verzichten? Beim nächsten Triathlon, wo wir die Vereinsmeisterschaften austrugen, schlug sie mich um 13 Sekunden.

Von meiner ältesten Tochter habe ich gelernt, „Nerven zu behalten und Ruhe zu bewahren“. Sie ist ein guter Menschenkenner und würde auch eine tolle Psychologin abgeben. Auch mit schulischen Problemchen hole ich mir manchmal ihren Rat ein, um zu erfahren, was ein Schüler in manchen Belangen denken möge. Einmal ging ein Schüler mit seinem Englisch-Schularbeitsheft heim anstatt abzugeben. F—-! Sie überzeugte mich, dass es in diesem Alter eher Kopflosigkeit statt kalkulierte Abgebrühtheit war. Am gleichen Tag hatten wir Zeitnehmung vom Schwimmen aus. Ich brach nach 100m ab – durch die Heftgeschichte war ich psychisch mitgenommen, dass ich mich außerstande sah, die 400m auf Zeit fertig zu schwimmen.

Von meiner zweiten Tochter mag ich auch gelernt haben, aber allmählich entdecke ich mehr und mehr mich selbst in ihr. Sie gibt mir „Modetipps“ (falls es so etwas bei mir überhaupt gibt) und manchmal überzeuge ich sie von Sachen, über die sie nachher sagt: „Das war doch deine Idee.“ Da kann ich mich beim besten Willen schon gar nicht mehr daran erinnern, sie davon überzeugt zu haben. Zu Ostern machte sie den staatlich geprüften Skilehreranwärterkurs. Eine Woche konnten wir uns anhören, dass sie durchfallen würde, doch am Ende der Woche hatte sie den kleinen Ausweis in der Hand und winkte uns damit zu.

Von meiner Zweitgeborenen lernte ich „Lauftraining nach Trainingsprogramm“. Sie empfahl mir Intervallläufe (Gott, war sie streng!), die hatten es in sich und haben gewirkt. Früher liefen wir sporadisch nach einem Heurigenbesuch heim mit einem gelegentlichen, abschließenden „Bergsprint“ zu unserem Haus. Dann bekam das Laufen in unserer Familie eine Eigendynamik und somit einen höheren Stellenwert. Wie wichtig für uns Laufbewerbe waren, kann nur durch eine kleine Begebenheit, die ich schildern mag, aufgezeigt werden: Als wir zu einem Hubschrauberflug mit anschließendem Haubenlokalbesuch eingeladen waren, lehnten wir ab: „Da haben wir etwas vor!“ Der, der uns einlud, glaubt wahrscheinlich jetzt noch, es sei etwas ganz Wichtiges gewesen, war es in Wirklichkeit doch nur ein Volkslauf, an dem wir alle sechs teilnehmen wollten.

Kinder sind auch gute Psychologen. Sie sagen einem oft, wo es langgeht. „Gönn‘ dir mal eine Pause!“ oder „Du trainierst zu viel!“ bekommst du dann zu hören. Doch das Schönste an Kindern ist, dass sie deine Freude und dein Leid teilen und du weißt, dass du nicht alleine bist. Nach Genf zur ETU Triathlon Europameisterschaft 2015 begleiteten uns drei von vier. Wir bekamen von ihnen tolle Schnappschüsse und den Applaus und das Anfeuern ihres privaten Fanclubs. Als sich die abschließende Laufstrecke in Genf hügeliger als gedacht entpuppte, höre ich meine zweite Tochter schreien: „Mama, jetzt kommt deine beste Disziplin!“ Irgendwie wollte ich dann auch vor meinen eigenen Kindern nicht „brutta figura“ machen und lief einen beherzten abschließenden Lauf.

Meine Zweitgeborene war es auch, die mich vor (noch) Schlimmeren bewahrte. Bei einem Triathlon im Becken hatte ich die Orientierung verloren, mich geirrt und war die gleiche Schwimmbahn wieder zurückgeschwommen anstatt in die nächste zu wechseln. Bei der Wende stand sie beim Beckenrand (die anderen waren wahrscheinlich vor lauter Lachen handlungsunfähig) und schrie mir zu: „Da gehörst du hin, tauch‘ durch die Leine durch!“

Ich will nicht „Werbung“ für Kinder machen, da mache ich schon eher für Triathlon Werbung. Es gab auch Momente – kaum, dass du dich gefreut hast, dass sie „Mama“ aussprechen konnten – wo du dich des Mama-Gebrülls kaum mehr erwehren konntest und wünschtest, sie würden stattdessen „Papa“ schreien. In der Pubertät sagen sie Verletzendes zu dir, das dir tausendmal mehr Schmerz zufügt als es rund 2km Schwimmen, 90km Radfahren und 21km Laufen vermag. Meine Kinder wundern sich, wieviel man – trotz vier Kinder – beruflich, sportlich und hobbymäßig bewerkstelligen kann. Dazu habe ich so meine Theorie. Ich erkläre, dass du dir das bisschen Freiraum gönnen und erhalten musst. Insofern hätte ich mich um vier Kinder nicht doppelt so viel wie um zwei kümmern können, sondern alles, was in meiner Macht steht – inklusive meinem Freiraum. Zunächst nützte ich nur die Wartezeit, wo meine Kinder in Krems ihren Freizeitbeschäftigungen nachgingen, zum Sporteln.  Sie empfanden es als ungerecht, als ich das totale Kinderengagement ab einem bestimmten Alter meiner Kinder in sportliches Engagement umwandelte. Zirka elf Jahre (von 1997 an) waren so intensiv, dass ich danach etwas Intensives als Hobby brauchte. Und da ist Triathlon genau das richtige: es lehrt dich Konsequenz, das Vermögen, über dich selbst hinauszuwachsen, Disziplin, Durchhaltevermögen – viele Eigenschaften, die du in der Kindererziehung auch brauchst. Sicher denke ich mir manchmal, dass ich ihnen gegenüber sehr streng gewesen bin, aber ich bin auch streng zu mir selbst. Und Konsequenz in der Kindererziehung ist alles. Meine Älteste verdient sich als Babysitterin Geld dazu. Hat nicht eine der Mütter sie schon ein paar Mal gefragt, wo sie diese Konsequenz gelernt hat? Was hatte sie als Antwort gesagt?  „Das hab‘ ich von meiner Mama durch meine eigene Erziehung gelernt.“

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Stefan Leitner

Stefan Leitner hat sich sein Leben lang dem Sport verschrieben - in aktiver wie in passiver Funktion. Als aktiver Age Group Triathlet konnte er sich mehrmals für den IRONMAN Hawaii qualifizieren und internationale Medaillen in seiner Altersklasse gewinnen.Er ist Inhaber und Geschäftsführer der Sport und Event Agentur Leitner.
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